Tiefengeothermie im Oberrheingraben – und wie sie wirklich läuft. Oder eben nicht.
45 Tiefengeothermieanlagen in Deutschland! So verkündet es der Bundesverband Geothermie – wohlgemerkt der Branchenverband, nicht unser Bundesverband Bürgerinitiativen Tiefe Geothermie.
45 Anlagen. Klingt beeindruckend. Nach ausgereifter Technik, zuverlässiger Energieversorgung und einer Erfolgsgeschichte.
Nur sollte man vielleicht einmal genauer hinschauen, was da eigentlich alles mitgezählt wird.
Denn unter dem Begriff „Tiefe Geothermie“ finden sich auch mitteltiefe Anlagen, Erdwärmesonden, Aquiferspeicher und Grubenwassernutzungen. Alles technisch unterschiedliche Verfahren, die sich nicht einfach mit den hochtemperierten Tiefengeothermieprojekten im Oberrheingraben gleichsetzen lassen.
Auf der Deutschlandkarte des Branchenverbandes finden sich im Oberrheingraben sechs Standorte. Weinheim beheizt unter anderem das Miramar, Groß-Umstadt nutzt eine Sonde, Graben-Neudorf wird noch unter „Anlagen im Bau“ geführt.
Bleiben als klassische Tiefengeothermiestandorte Landau, Insheim und Bruchsal.
Schauen wir uns also an, was aus den viel gepriesenen Vorzeigeprojekten tatsächlich geworden ist. Und nehmen wir unsere französischen und Schweizer Nachbarn gleich dazu.
LANDAU – das Pannenkraftwerk
Erdbeben, Gebäudeschäden, Bodenhebungen, Leckagen, Grundwasserprobleme und jahrelange Stillstände. Die Liste ist bemerkenswert.
Die Stromerzeugung wurde inzwischen aufgegeben. Übrig geblieben ist eine auf rund 2 MW thermische Leistung begrenzte Wärmenutzung. Ein Bruchteil dessen, was ursprünglich einmal geplant war.
Aus einem Geothermiekraftwerk wurde ein gedrosselter Wärmelieferant mit bewegter Vergangenheit.
INSHEIM – seit März 2026 Stillstand wegen einer Leckage!
Induzierte Erdbeben, technische Defekte und Isopentanaustritt gehören bereits zur Betriebsgeschichte.
Doch aktuell ist vor allem eines bemerkenswert: Seit März 2026 steht die Anlage wegen einer Leckage still – bestätigt durch das Bergamt.
Seit Monaten keine reguläre Stromproduktion. Und das bei einer Technologie, die immer wieder mit ihrer angeblichen Grundlastfähigkeit beworben wird.
So geht „grundlastfähig“!
BRUCHSAL – der Mini unter den Kraftwerken
Ja, Bruchsal läuft.
Allerdings mit einer Förderrate von lediglich rund 28 Litern pro Sekunde und einer elektrischen Leistung von gerade einmal 0,5 MW.
Eine kleine Forschungsanlage, die mit den Dimensionen großtechnischer Tiefengeothermieprojekte kaum vergleichbar ist.
Bruchsal als Beleg für die Betriebssicherheit wesentlich größerer Anlagen anzuführen, ist ungefähr so überzeugend, als würde man mit einem erfolgreich getesteten Moped die Sicherheit eines Schwerlasttransporters beweisen wollen.
GRABEN-NEUDORF – bisher kein Kraftwerk
Eine Bohrung, technische Schwierigkeiten, induzierte Seismizität bei Injektionstests und erhebliche Unsicherheiten.
Ende 2025 verabschiedeten sich die beteiligten Kommunen aus dem geplanten Wärmeverbund. Inzwischen rückt die Lithiumgewinnung stärker in den Vordergrund.
Von einer zuverlässig produzierenden Geothermieanlage kann jedenfalls keine Rede sein.
BRÜHL – ein Bohrloch seit 2016
Auch hier steht kein produzierendes Geothermiekraftwerk. Eine Bohrung ist eben noch keine Energieversorgung.
Und auf der französischen Rheinseite?
RITTERSHOFFEN – Stillstand nach Erdbeben
Die Anlage versorgte eine Industriefabrik mit Wärme. Im Dezember 2025 folgten spürbare Erdbeben bis Magnitude 2,6, Gebäudeschäden und die Abschaltung.
Besonders bemerkenswert: Die Erdbebenserie setzte sich nach der Abschaltung fort.
Rittershoffen wurde gerne als Vorzeigeprojekt präsentiert. Der Untergrund hat diese Erfolgsgeschichte inzwischen um ein ziemlich unangenehmes Kapitel ergänzt.
SOULTZ-SOUS-FORÊTS – derzeit Stillstand
Einst ein europäisches Vorzeigeprojekt der Tiefengeothermie. Nach jahrzehntelanger Forschung und Betrieb aktuell ebenfalls kein Beispiel für laufende Stromproduktion.
VENDENHEIM – nach schweren Erdbeben stillgelegt
Das elsässische Tiefengeothermieprojekt wurde nach erheblichen induzierten Erdbeben dauerhaft beendet.
Statt der versprochenen Energieversorgung blieben Erdbeben, verunsicherte Anwohner und ein aufgegebenes Projekt.
ILLKIRCH – stillgelegt wegen der Erdbeben in Vendenheim
Eine Tiefbohrung war bereits niedergebracht, doch nach den schweren induzierten Erdbeben im benachbarten Vendenheim zog die französische Präfektur die Konsequenzen: Auch in Illkirch wurden die weiteren Arbeiten behördlich untersagt.
Bemerkenswert: Nicht einmal Erdbeben am eigenen Standort waren erforderlich. Die Ereignisse in Vendenheim reichten aus, um auch dieses Geothermieprojekt zum Stillstand zu bringen.
Eine regulär produzierende Geothermieanlage ist daraus bis heute nicht geworden.
Und die Schweiz?
BASEL – nach Erdbeben beendet
Das Tiefengeothermieprojekt wurde nach induzierten Erdbeben bereits vor Jahren aufgegeben.
RIEHEN – läuft tatsächlich!
Rund 20 Liter Thermalwasser pro Sekunde bei etwa 63 °C aus rund 1.500 Metern Tiefe.
Allerdings handelt es sich um mitteltiefe Geothermie im Oberen Muschelkalk, einem Karbonataquifer mit natürlicher Durchlässigkeit – ohne die für andere Projekte erforderliche hydraulische Stimulation.
Technisch und geologisch also gerade nicht mit den hochtemperierten Tiefengeothermieprojekten im Oberrheingraben gleichzusetzen.
Und jetzt schauen wir noch kurz über den Tellerrand.
ÉPINAY-SOUS-SÉNART BEI PARIS – seit 21. Oktober 2026 abgeschaltet
Die Anlage nutzt den Pariser Dogger-Aquifer, geologisch nicht vergleichbar mit dem Oberrheingraben.
Am 21. Oktober kam es nach Angaben des Betreibers zu einem schwerwiegenden Vorfall in der Produktionsbohrung. Die Anlage wurde sofort abgeschaltet – auf unbestimmte Zeit. Ersatzheizkessel mit Gas mussten einspringen.
Warum ist das interessant?
Weil gerade die Anlagen im Pariser Dogger, ebenso wie Rittershoffen, von der Geschäftsführerin der Geopfalz als Vorzeigeprojekte angeführt wurden.
Nun steht auch dort eine Anlage still.
Und was bleibt von der großen Erfolgsgeschichte?
Eine kleine Forschungsanlage in Bruchsal. Ein gedrosseltes ehemaliges Kraftwerk in Landau. Stillstände, aufgegebene Projekte, Erdbeben, technische Schäden und Bohrungen, aus denen noch lange keine funktionierenden Kraftwerke geworden sind.
Natürlich gibt es funktionierende Geothermieanlagen. Und natürlich ist nicht jede geologische Formation mit dem Oberrheingraben vergleichbar.
Aber genau deshalb sollte man endlich aufhören, völlig unterschiedliche Anlagen in einen Topf zu werfen und daraus pauschale Erfolgsmeldungen abzuleiten.
Entscheidend ist nicht, wie viele bunte Punkte auf einer Landkarte eingezeichnet sind.
Entscheidend ist, welche Anlagen tatsächlich laufen, mit welcher Leistung, mit welcher Verfügbarkeit und mit welchen Folgen für Mensch und Umwelt.
Denn zwischen „geplant“, „gebohrt“, „gedrosselt“, „abgeschaltet“ und „läuft zuverlässig“ liegen Welten.
Und wer die Tiefengeothermie im Oberrheingraben ernsthaft beurteilen will, sollte sich weniger mit Hochglanzbroschüren beschäftigen.
Ein Blick in die Betriebsgeschichte reicht oft schon.

Ariane Stachowsky



























