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Graben-Neudorf – Wenn ein „Leitprojekt“ schon beim Bohren ins Stolpern gerät

 

Während andernorts noch von „Energiewende-Meilensteinen“ und „innovativen Leuchtturmprojekten“ geschwärmt wird, schreibt Graben-Neudorf längst seine ganz eigene Geschichte – eine, die weniger nach Zukunftstechnologie klingt und mehr nach einer Mischung aus Improvisationstheater und geologischem Selbstversuch. Hier zeigt sich nicht, wie die Tiefengeothermie einmal funktionieren könnte, sondern wie sie sich tatsächlich verhält, wenn Bohrer, Druckpumpen und tektonisch nervöser Untergrund aufeinandertreffen.

Der Anfang: Drei Monate geplant, 13 Monate gebraucht
Die erste Bohrung sollte in drei Monaten erledigt sein. Tatsächlich wurde sie am 13.06.2023 fertiggestellt – nach 13 Monaten. Der Grund? Eine mangelhafte Zementierung, die dazu führte, dass geplante Tests zur Temperatur, Menge und Konsistenz des Thermalwassers verschoben werden mussten. Oder wie man es im Projektjargon nennt: „Anpassungen im Bauablauf“.
Dazu kamen Bohrmeisel, die ausgetauscht werden mussten – vier Tage pro Stück – und ein Bohrkopf, der stecken blieb und schließlich einzementiert werden musste, damit man überhaupt weitermachen konnte. Einzementieren. In einem Millionenprojekt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
 
September 2023: Zu heiß, zu früh, zu viel
Kaum war die erste Bohrung abgeschlossen, kam das nächste Problem: Die gemessenen Temperaturen im Reservoir lagen über 200 °C – deutlich über den Erwartungen. Das klingt erst einmal nach Jackpot, wäre da nicht der kleine Nebensatz:
„Die Materialien sind für diese Temperaturen nicht ausgelegt.“
Mit anderen Worten: Man hat ein Hochtemperaturprojekt geplant – aber nicht mit so viel Temperatur gerechnet. Jetzt müssen Spezialgeräte aus den USA beschafft werden. Und als Bonus fand man bereits im Muschelkalk Wasser, wo man es nicht erwartet hatte. Ein geologisches Überraschungsei.
 
2024: Die ersten Erdbeben – aber nur auf der Betreiberseite
Ende Juni 2024, während eines sogenannten „Injektionstests“, traten zwei induzierte Erdbeben auf. Der Betreiber verzeichnete sie auf seiner Webseite. Der offizielle Erdbebendienst Baden-Württemberg dagegen nicht.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
 
November 2025: Ampelstufe Gelb – und das nach wenigen Tagen
Am 15. November 2025 kam es zu einem induzierten Erdbeben der Magnitude 1,6 in vier Kilometern Tiefe. Laut Modellrechnungen hätten es bis zu 2.300 Menschen spüren können. Und es blieb nicht bei einem Ereignis: Mehrere Beben folgten – 1,55, 0,8, 1,4 – alle im direkten Umfeld der Bohrung.
Ein Anwohner berichtete:
„Auf dem Kaffee waren kleine Wellen zu sehen.“
Das ist die Art von „Energiewende zum Anfassen“, die niemand bestellt hat.
Mit dem Beben am Samstagnachmittag wurde erstmals die Gelb-Stufe des seismischen Ampelsystems erreicht – ein Warnsignal, dass der Untergrund reagiert. Und das nach nur wenigen Tagen Testbetrieb.
 
Hydraulische Stimulation – aber bitte nicht „Fracking“ nennen
Die Betreiber sprechen von „Reservoirtests“, „Druckmessungen“ und „Langzeituntersuchungen“. Technisch handelt es sich um hydraulische Stimulationen – also das gezielte Aufweiten von Klüften durch Druckinjektionen. Dass der Begriff „Fracking“ vermieden wird, ändert am Ablauf nichts. Besonders pikant: Kurz vor Beginn der Tests hat das Bergamt die Grenzwerte für Druck, Wassermengen und Testdauer erhöht. Ein Timing, das man diplomatisch „unglücklich“ nennen könnte.
 
Der Oberrheingraben – kein Ort für Experimente
Der Oberrheingraben ist eines der geologisch aktivsten Gebiete Deutschlands. Erdbebenzone 1, durchzogen von alten und teils aktiven Störungen. Schon geringe Druckveränderungen können Reaktionen auslösen – genau das zeigen die Beben in den Tiefen, in denen injiziert wurde. Das Muster ist bekannt: Landau, Insheim, Basel, Vendenheim, Rittershoffen – überall kam es zu induzierten Erdbeben. Graben-Neudorf reiht sich nahtlos ein.
 
Politik: „Nahezu risikofrei“ – Realität: Gelbe Ampel nach wenigen Tagen
Während politisch weiterhin von einer „zuverlässigen, sicheren Zukunftsenergie“ gesprochen wird, zeigt Graben-Neudorf ein anderes Bild: Schon in der frühen Testphase reagiert der Untergrund spürbar. Die Menschen in der Region erleben eine wachsende Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität.
 
Und dann bricht auch noch das Wärmeprojekt zusammen
Während die Deutsche Erdwärme den „erfolgreichen Langzeittest“ feiert, lösen sich die zehn beteiligten Kommunen aus der Fernwärme-Projektgesellschaft – wegen nicht einhaltbarer Zusagen, zu hoher Preise und mangelnder Verlässlichkeit.
Der Geschäftsführer der Stadtwerke Bretten bringt es auf den Punkt:
„Wir glauben nicht mehr an das Erdwärme-Potenzial in Graben-Neudorf.“
Ein Satz, der schwerer wiegt als jedes seismische Ereignis.
 
Strategischer Schwenk: Plötzlich geht es um Lithium
Kurz darauf vollzieht die Deutsche Erdwärme einen strategischen Schwenk: Statt regionaler Wärmeversorgung rückt nun plötzlich die Lithiumgewinnung in den Mittelpunkt – ein Thema, das zuvor kaum eine Rolle spielte. Im März 2026 wird öffentlich erklärt, man wolle künftig Lithium aus dem Tiefenwasser extrahieren – ein kritischer Rohstoff, dessen Förderung im Oberrheingraben bislang nur im Labor funktioniert hat. Selbst das Unternehmen räumt ein, dass viele Fragen offen sind: extreme Temperaturen, hoher Druck, technische Unsicherheiten und ein Marktpreis, der erst ab rund 20.000 €/Tonne wirtschaftlich wäre.

 

Fazit: Graben-Neudorf ist kein Leitprojekt – es ist ein Lehrstück
Ein Lehrstück darüber, wie komplex, störanfällig und unberechenbar Tiefengeothermie im Oberrheingraben ist. Ein Projekt, das schon in der Startphase zeigt, wie sensibel der Untergrund reagiert – und wie groß die Lücke zwischen politischer Erzählung und geologischer Realität ist. Wenn das der „Schatz unter der Pfalz“ sein soll, dann sollte man sich gut überlegen, ob man ihn wirklich heben will.

 

Ariane Stachowsky

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Der Bundesverband Bürgerinitiativen Tiefe Geothermie e.V. ist ein länderübergreifender Zusammenschluss von Bürgerinitiativen und Interessengemeinschaften. Er bündelt Erfahrungen aus der Praxis, klärt Öffenlichkeit, Politik und Behörden auf und bildet einen Gegenpol zu einseitigen Lobby-Aussagen. Ziel ist es, Risiken und Folgen der Tiefengeothermie kritisch zu hinterfragen und Fehlentscheidungen mit Auswirkungen auf Menschen, Umwelt und Landschaft zu verhindern.

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  • 1. Vorsitzende Ariane Stachowsky

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