Wasserfracking – wenn Fracking plötzlich „Stimulation“ heißt
Wer sich mit Tiefengeothermieprojekten im Oberrheingraben beschäftigt, begegnet früher oder später einem bemerkenswerten sprachlichen Phänomen. Sobald Wasser mit hohem Druck in den tiefen Untergrund gepresst wird, um vorhandene Klüfte aufzuweiten, Gestein gegeneinander zu verschieben oder die Durchlässigkeit des Gebirges zu erhöhen, ist nur äußerst ungern von Fracking die Rede.
Stattdessen liest man von „hydraulischer Stimulation“, „Stimulationsmaßnahmen“, „Stimulationsversuchen“, „Hydroshearing“ oder „Injektionstests“.
Das klingt zweifellos angenehmer.
Nur stellt sich die Frage: Was passiert technisch tatsächlich im Untergrund?
Was bedeutet „Fracking“ überhaupt?
Der Begriff Fracking stammt vom englischen „Hydraulic Fracturing“. „Fracture“ bedeutet Bruch oder Riss, „to fracture“ entsprechend aufbrechen oder aufreißen.
Das Grundprinzip ist einfach: Eine Flüssigkeit wird über eine Bohrung unter hohem Druck in den Untergrund gepresst. Vorhandene Risse und Klüfte können dadurch aufgeweitet, gegeneinander verschoben und – je nach Verfahren und geologischen Bedingungen – auch neue Risse erzeugt werden.
Ziel ist es, die Permeabilität, also die Durchlässigkeit des Gesteins, zu erhöhen und damit neue oder bessere Fließwege zu schaffen.
Und genau hier wird es bei der Tiefengeothermie sprachlich interessant.
Wenn aus Fracking plötzlich „Stimulation“ wird
Bei Tiefengeothermieprojekten spricht man vorzugsweise von „hydraulischer Stimulation“.
Was dabei geschieht, beschreibt selbst der Bundesverband Geothermie ziemlich anschaulich: Wasser wird in das Kluftsystem des Reservoirgesteins gepumpt. Der Wasserdruck liegt über dem jeweiligen Gebirgsdruck und kann bis zu 300 bar betragen. Durch das Einpressen werden vorhandene Risse aufgeweitet; gegebenenfalls können auch neue Risse entstehen.
Mit anderen Worten: Das Kluft- und Risssystem des Gesteins wird durch hydraulischen Druck gezielt beeinflusst.
Man kann das selbstverständlich „hydraulische Stimulation“ nennen.
An dem Vorgang selbst ändert der Name allerdings nichts.
Denn ob anschließend Erdgas, Erdöl oder geothermische Energie gewonnen werden soll, bestimmt nicht nachträglich, was zuvor mit dem Gestein gemacht wurde.
Was der Wasserdruck im Untergrund bewirkt
Dabei wird nicht einfach nur Wasser in ein vorhandenes unterirdisches Leitungssystem gepumpt.
Der eingebrachte Wasserdruck greift gezielt in das bestehende Kluft-, Störungs- und Spannungssystem des Gebirges ein. Klüfte werden geöffnet, Gesteinsflächen können gegeneinander verschoben und vorhandene Störungen reaktiviert werden. Genau das ist schließlich Sinn der Übung: Das Reservoir soll nach der „Stimulation“ durchlässiger und ergiebiger sein als zuvor.
Eine bekannte und vielfach dokumentierte Auswirkung solcher hydraulischen Eingriffe ist induzierte Seismizität. Durch Druckinjektionen werden Spannungsverhältnisse im Untergrund verändert und vorhandene Bruch- oder Störungsflächen können in Bewegung geraten. Die dabei ausgelösten seismischen Ereignisse reichen von instrumentell registrierten Mikrobeben bis zu deutlich spürbaren Erschütterungen.
Das ist weder eine Erfindung von Bürgerinitiativen noch ein theoretisches Schreckgespenst. Selbst der Bundesverband Geothermie weist darauf hin, dass hydraulische Stimulation durch den Wasserdruck in der Tiefe Erderschütterungen hervorrufen kann.
Eigentlich wenig überraschend: Wer gezielt Druck auf ein natürliches Kluft- und Störungssystem ausübt, um dessen Eigenschaften zu verändern, sollte sich nicht darüber wundern, wenn sich dort anschließend auch etwas bewegt.
Das Gestein wird also nicht nur „getestet“ oder auf wundersame Weise zu mehr Ergiebigkeit „stimuliert“.
Es wird gezielt hydraulisch und geomechanisch verändert – induzierte Seismizität ist eine bekannte Folge solcher Eingriffe.
Dann nennen wir es eben Wasserfracking
Und nun wird es interessant.
Der Bundesverband Geothermie verwendet für hydraulische Stimulationen, bei denen lediglich Wasser eingesetzt wird, selbst einen bemerkenswerten Begriff:
„Wasserfracs“.
An anderer Stelle definiert er einen Wasserfrac als Gegenstück zum Stützmittelfrac: Bei seiner Erzeugung werde ausschließlich Wasser ohne weitere Zusätze verwendet. Dort heißt es sogar, dass in der Geothermie in Deutschland „ausschließlich Wasserfracs“ eingesetzt würden.
Nun gut.
Das nehmen wir gerne auf.
Der Bundesverband Bürgerinitiativen Tiefe Geothermie wird für entsprechende hydraulische Eingriffe künftig einen eigenen, für Bürger unmittelbar verständlichen Begriff verwenden:
Wasserfracking.
Nicht als neue geowissenschaftliche Definition und auch nicht als Versuch, sämtliche technischen Verfahren über einen Kamm zu scheren.
Sondern als verständliche Bezeichnung für das, was hinter Begriffen wie „hydraulische Stimulation“ häufig nur schwer erkennbar ist.
Warum wir es Wasserfracking nennen
Weil Sprache einen Unterschied macht.
„Hydraulische Stimulation“, „Stimulationsversuch“ oder „Injektionstest“ klingen technisch, kontrolliert und erstaunlich harmlos – sagen einem Bürger aber zunächst wenig darüber, welcher Eingriff tatsächlich im Untergrund stattfindet. Wasserfracking ist bewusst direkter.
Der Begriff ist deshalb eine bewusste Wortwahl des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Tiefe Geothermie. Nicht, um eine weitere akademische Diskussion über Fachbegriffe zu führen, sondern um verständlich zu benennen, was im Untergrund gemacht wird.
Man kann natürlich weiterhin von einer „hydraulischen Stimulationsmaßnahme zur Verbesserung der Reservoirpermeabilität“ sprechen.
Klingt wissenschaftlicher.
Klingt vielleicht auch angenehmer.
Wir nennen es Wasserfracking.
Ariane Stachowsky



























