
EILMELDUNG – Erstes spürbares Erdbeben durch Induktionstests an der
Tiefengeothermiebohrung Graben Neudorf:
Ampelstufe „Gelb“ erreicht
Am 15. November 2025 um 14:36 Uhr hat sich nahe Graben-Neudorf ein induziertes Erdbeben der Magnitude 1,6 in etwa vier Kilometern Tiefe ereignet. Die berechnete Maximalintensität liegt bei 2,2, und nach Modellrechnungen von Erdbebennews könnte dieses Beben für bis zu rund 2.300 Menschen spürbar schwach gewesen sein.
Dieses Erdbeben war nicht das einzige. Rund um die neue Tiefengeothermie-Anlage der Deutschen Erdwärme kam es am gesamten Wochenende zu mehreren Erschütterungen. Am Samstagnachmittag wurde etwa nur zwei Minuten nach dem erstgenannten Ereignis ein weiteres Beben registriert, das mit einer Magnitude von 1,55 aus rund 4,5 Kilometern Tiefe kam. Später folgte in der Nacht ein Beben der Magnitude 0,8 sowie am Sonntagmorgen ein weiteres mit der Stärke 1,4. Zwei zusätzliche, sehr schwache Ereignisse am Samstag gegen 14:04 Uhr und am Sonntag um 7:37 Uhr konnten aufgrund der geringen Ausprägung nicht präzise bestimmt werden. Die Epizentren liegen dabei allesamt nordöstlich von Graben-Neudorf, unmittelbar nördlich des Anlagenstandorts.
Nach den Auswertungen von Erdbeben besteht die Möglichkeit, dass das stärkste Ereignis am Samstagmittag sowie das Beben am frühen Sonntagmorgen von einzelnen Menschen wahrgenommen wurden – meist in Form eines leichten Vibrationsgefühls oder eines dumpfen Grollens.
Ein Bewohner berichtet von leichten Erschütterungen am Frühstückstisch, auf der Oberfläche des Kaffees waren deutlich kleine Wellen zu sehen gewesen. Seit dem Teststart wurden im Kellerbereich seltsame Geräusche intermittierend wahrnehmbar gewesen.
Erschreckend ist, dass mit dem Beben am Samstagnachmittag erstmals die „Gelb“-Stufe des seismischen Ampelsystems erreicht wurde. Diese Stufe zeigt an, dass messbare Auswirkungen auftreten und der Untergrund auf die laufenden Maßnahmen reagiert. Die Tests laufen erst seit einigen Tagen, doch bereits jetzt zeigt sich eine deutliche seismische Aktivität im unmittelbaren Umfeld der Bohrung.
Die Ursache für diese Entwicklung liegt in den derzeit laufenden Arbeiten. Um den geplanten Standort zu bewerten, werden im Rahmen eines mehrwöchigen Programms große Mengen Wasser unter Druck in mehreren Kilometern Tiefe injiziert. Nach Angaben der Betreiber wurden allein zum Start der Testreihe rund 700 Kubikmeter Wasser in die Formation gepresst, 45.000 Kubikmeter bei einem Druck von 100 Bar sollen es insgesamt sein. Ziel ist es, die Durchlässigkeit der tiefen Gesteinsschichten zu prüfen und zu beobachten, wie sich Druckveränderungen im Reservoir auswirken. Technisch handelt es sich um hydraulische Stimulationen: Durch gezielten Druck werden Klüfte im Gestein geöffnet, erweitert oder reaktiviert. Dies ist das gleiche physikalische Prinzip, das auch der Fracking-Technologie zugrunde liegt – auch wenn dieser Begriff im Zusammenhang mit Tiefengeothermie bewusst vermieden wird.
Bezeichnenderweise hatte das dem Regierungspräsidium Freiburg zugehörige Bergamt erst kurz zuvor die Grenzwerte für den anwendbaren Druck, die zu injizierbaren Wassermengen und die Testdauer erhöht.
Besonders sensibel ist dies im Oberrheingraben, einem der geologisch aktivsten Gebiete Deutschlands. Die Region befindet sich nicht zufällig in Erdbebenzone 1, sondern weil der Untergrund von zahlreichen alten, teilweise noch aktiven tektonischen Störungen durchzogen ist. Spannungssituationen im tiefen Untergrund sind hier ein bekanntes Merkmal. Bereits geringe Druckveränderungen können auf bestehende Bruchzonen Auswirkungen haben. Die beobachteten Beben treten genau in die Tiefen auf, in denen auch die Druckinjektionen stattfinden – ein Hinweis darauf, wie eng Untergrundreaktion und Injektionstätigkeit miteinander verknüpft sein können.
Nach nur wenigen Tagen zeigt sich im Testbetrieb bereits ein komplexes seismisches Bild, das viele Menschen in der Region mit Sorge beobachten. Ob weitere Erschütterungen folgen und wie sich die nächsten Wochen entwickeln, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen erneut, wie sensibel der Oberrheingraben auf Eingriffe in mehreren Kilometern Tiefe reagiert. Dass schon nach kurzer Testdauer spürbare Erschütterungen auftreten, reiht sich ein in einer langen Reihe früherer Erfahrungen: Nahezu überall, wo Tiefengeothermie im Oberrheingraben betrieben oder getestet wurde – ob in Landau, Insheim, Basel, Vendenheim, Rittershoffen oder jetzt in Graben-Neudorf – kam es immer wieder zu induziertem Erdbeben.
Viele kleine Erdbeben mögen für sich genommen harmlos erscheinen, doch sie können sich zu stärkeren Ereignissen entwickeln, denn wie der tiefere Untergrund letztendlich auf anhaltende Druckveränderungen reagiert, kann niemand sicher vorhersagen. Dabei können Ereignisse ausgelöst werden, die noch Monate später zu noch stärkerem Beben führen können.
Trotz dieser bekannten Beispiele wird die Tiefengeothermie politisch weiterhin als nahezu risikofreie, sichere und unverzichtbare Zukunftsenergie präsentiert. Die realen Entwicklungen in Graben-Neudorf zeichnen jedoch ein anderes Bild: Bereits in einer frühen Testphase reagierte der Untergrund spürbar auf die Druckinjektionen, und die Ampelstufe „Gelb“ wurde zum ersten Mal erreicht. Der Oberrheingraben ist geologisch aktiv, von zahlreichen Störungszonen geprägt und reagiert messbar auf Druckveränderungen im tiefen Untergrund. Die aktuellen Ereignisse in Graben-Neudorf verdeutlichen das auf eindrucksvolle Weise – und sie tun es zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Testphase.
Die Menschen in der Region nehmen deshalb eine wachsende Diskrepanz wahr zwischen den politischen Versprechen und den tatsächlichen geologischen Rahmenbedingungen.
Die Erdbeben vom Wochenende sind kein abstraktes Szenario, sondern reale Signale eines Untergrunds, der auf die Eingriffe reagiert. Was die nächsten Wochen bringen, bleibt offen.
16.11.2025 - Ariane Stachowsky
























