
Insheim – Ein Kraftwerk zwischen Heilsversprechen, Hebelwirkung und Hyperaktivität des Untergrunds
Wer die Geschichte der Tiefengeothermie im Oberrheingraben verstehen will, muss nur nach Insheim schauen. Dort steht seit 2012 ein Kraftwerk, das offiziell als „störungsfrei“ gilt – ein Begriff, der in der Geothermie offenbar sehr großzügig ausgelegt wird. Denn Insheim ist ein Paradebeispiel dafür, wie ambitionierte Technik, geologische Realität und kommunikative Beschwichtigung aufeinanderprallen.
Die Anlage begann wie so viele Projekte dieser Branche: mit großen Erwartungen und einer beeindruckenden Liste an Bohrdaten. Ab 2007 liefen die Planungen, ab November desselben Jahres die Bohrplatzarbeiten. Zwischen Juni und September 2008 wurde die erste Bohrung GTI-1 bis auf 3600 Meter Tiefe abgeteuft, sauber abgelenkt in süd-südöstliche Richtung. Die zweite Bohrung folgte Anfang 2009, diesmal 3800 Meter tief und nord-nordöstlich abgelenkt . Die Zirkulationstests 2009 und 2010 bestätigten eine Thermalwassertemperatur von rund 160 °C – ein Wert, der in jeder Präsentation glänzend aussieht. 2010 wurde noch ein zweiter Seitenarm gebohrt, um die Reinjektion zu verbessern. Im November 2012 ging das Kraftwerk schließlich ans Netz, mit einer elektrischen Leistung von rund 4,8 MW.
Doch kaum war die Anlage in Betrieb, zeigte sich, dass der Untergrund seine eigenen Vorstellungen von „Betriebsruhe“ hat. Bereits im Februar 2013 verabschiedete sich die Pumpe – ein Schaden, der sich wegen der ungünstigen Einbaulage über Monate hinzog. Und als wäre das nicht genug, folgte kurz nach dem Abschalten ein spürbares Erdbeben der Magnitude 2,0. Offizielle Erklärung: eine „Entlastungsreaktion des Untergrundes“. In der Praxis heißt das: Man hat den Boden erst unter Druck gesetzt und dann abrupt losgelassen – und der Boden hat entsprechend reagiert.
2015 kam es zum nächsten Zwischenfall: Rund 600 Liter Isopentan traten aus, ein Stoff, der so entzündlich ist, dass er in Sicherheitsdatenblättern praktisch rot unterstrichen wird. Die Feuerwehr rückte mit 62 Kräften an, die Betreiber beruhigten, es habe „keine Gefahr“ bestanden. Ein Satz, der in der Region inzwischen zum Standardrepertoire gehört.
Doch Insheim wäre nicht Insheim, wenn es bei diesen Ereignissen geblieben wäre. Am 20. Mai 2020 erschütterte eines der stärksten Beben der letzten Jahre den Ort – Magnitude 2,2, deutlich spürbar, gefolgt von einem weiteren Beben nur drei Minuten später. Das Überwachungsnetz registrierte eine Schwinggeschwindigkeit von fast 0,5 mm/s. Der Ursprung: das Geothermiekraftwerk. Schäden seien „nicht zu erwarten“, hieß es erneut. Ein Satz, der sich in der Region inzwischen so oft wiederholt, dass man ihn fast für ein Mantra halten könnte.
Zwischen 2009 und 2025 wurden insgesamt 184 induzierte Erdbeben registriert. Eine Zahl, die für sich spricht – und die Frage aufwirft, wie viele Erschütterungen eigentlich nötig sind, bis man ein Projekt nicht mehr als „störungsfrei“ bezeichnet. Die Anlage läuft seit Jahren gedrosselt, weil höhere Fließraten zu mehr seismischer Aktivität führen. Gleichzeitig dient sie inzwischen als Testfeld für die Lithiumextraktion, mit der langfristig 24.000 Tonnen Lithium pro Jahr gewonnen werden sollen. Ob der Untergrund diese Ambitionen teilt, bleibt abzuwarten.
Insheim ist damit ein Musterbeispiel für die Widersprüche der Tiefengeothermie im Oberrheingraben:
technisch ambitioniert, kommunikativ beschwichtigend, geologisch herausfordernd und seismisch hyperaktiv. Ein Kraftwerk, das offiziell Energie für 6.500 Haushalte liefert – und inoffiziell ein seismisches Dauerexperiment betreibt. Wer behauptet, die Tiefengeothermie laufe hier „problemlos“, sollte vielleicht einmal die Erdbebenstatistik lesen. Oder einfach die Menschen fragen, die in Insheim leben.
Wenn dies „störungsfrei“ ist, möchte man wirklich nicht wissen, wie „problematisch“ aussieht.


























