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Abgeschaltet seit Dezember – und doch bebt es weiter:
Rittershoffen zeigt, wie brüchig die Sicherheitsversprechen 
sind


Rittershoffen ist der Ort, an dem die Tiefengeothermie im Oberrheingraben ihre eigene Behauptung widerlegt: dass man sie „kontrollieren“ könne. Kaum irgendwo zeigt sich deutlicher, wie trügerisch dieses Versprechen ist. Denn hier bebt die Erde nicht nur während des Betriebs – sondern sogar dann, wenn die Anlage längst abgeschaltet ist. Am Abend des 4. Dezember 2025 erschüttert ein Erdbeben der Magnitude 2,5 das Dorf. Eine Bewohnerin beschreibt den Moment gegenüber der französischen Presse als eine Art Detonation, gefolgt von Erschütterungen, die sie in der Nacht erneut aus dem Schlaf reißen. Monate später führt sie Journalisten durch ihr Haus und zeigt Risse, die sich über mehrere Meter durch Innenwände und Fassade ziehen. Rund fünfzehn Häuser sind betroffen. Die Behörden reagieren wie vorgeschrieben und ordnen die sofortige Abschaltung der Anlage an. Doch wer glaubte, damit sei die Gefahr gebannt, wurde in Rittershoffen eines Besseren belehrt.


Denn kaum war die Anlage stillgelegt, ging es erst richtig los. Zwischen dem 10. und 12. Dezember folgen weitere Erdbeben – ganz ohne Pumpen, ohne Injektion, ohne Betrieb. Magnituden von 2.2, 1.6, 1.4 und schließlich 2.6 werden registriert. Am nächsten Tag kommen vier weitere Erschütterungen hinzu, zwischen 1.4 und 2.1. Neun Beben in wenigen Tagen, obwohl die Anlage längst abgeschaltet war. Das stärkste Ereignis, Magnitude 2.6, ist das heftigste der gesamten Serie. Genau diese Abfolge zeigt, was Geologen seit Jahren erklären: Ein einmal angestoßener geologischer Prozess lässt sich nicht durch das Drücken eines Schalters stoppen. Die Erde reagiert nicht auf Betriebsanweisungen.


Dabei ist Rittershoffen kein Ausreißer, sondern ein Standort mit seismischer Vorgeschichte. Schon während der Bohr- und Stimulationsphase zwischen 2012 und 2014 wurden zahlreiche Mikrobeben registriert, die Magnituden damals bewusst unter 1.7 gehalten. Bis 2018 meldete der Betreiber rund 300 induzierte Erdbeben, spätere wissenschaftliche Auswertungen – etwa im EU-Projekt DESTRESS – sprechen sogar von über 1.300 Ereignissen. Im April 2023 folgte eine weitere Serie mit mindestens 13 Mikro-Beben innerhalb weniger Stunden. Im Mai 2024 kam es erneut zu spürbaren Erschütterungen um Magnitude 2.0 und 2.2, woraufhin der Betreiber die Anlage abermals abschaltete. 2024 wurden 
insgesamt 229 Ereignisse registriert, 2025 waren es 30, darunter das starke Beben vom 12. Dezember. Und selbst am 28. April 2026, Monate nach der Abschaltung, wird erneut ein induziertes Beben gemessen. Rittershoffen ist damit eines der am besten dokumentierten Beispiele dafür, dass Tiefengeothermie im Oberrheingraben seismische Prozesse auslöst, die sich zeitlich versetzt und unkontrollierbar entladen.


Medienberichten zufolge zeichnet ein eindrückliches Bild der Stimmung im Dorf: Angst, nächtliche Erschütterungen, beschädigte Häuser, eine Bevölkerung, die sich fragt, wie lange das noch so weitergehen soll. Die Region verzeichnet rund 250 Minibeben innerhalb weniger Monate. Fachleute bestätigen, dass das Fördern und Zirkulieren von Tiefenwasser zwangsläufig Mikroseismizität erzeugt – man könne sie nicht vermeiden, nur beobachten. Menschlich ausgelöste Beben werden zudem stärker wahrgenommen als natürliche, weil sie flacher liegen. Und während die Bewohner mit Schäden und Unsicherheit leben müssen, wird im Elsass bereits über den nächsten Schritt diskutiert:
Lithiumförderung. Noch mehr Eingriffe, noch mehr Druck, noch mehr Risiko. Man könnte meinen, der Untergrund hätte sich längst deutlich genug geäußert.


Rittershoffen zeigt, was Tiefengeothermie im Oberrheingraben wirklich bedeutet: Eingriffe in aktive Störungszonen, zeitverzögerte und unkontrollierbare Erdbeben, anhaltende Seismizität trotz Abschaltung, Schäden an Gebäuden und eine Bevölkerung, die zunehmend verunsichert ist. Und es zeigt, wie gefährlich es ist, wenn Betreiber und Politik weiterhin von „beherrschbaren Risiken“ sprechen. Denn die Erde hält sich nicht an Ampelsysteme. Sie reagiert auf Druck – egal, ob die Anlage läuft oder nicht.
Rittershoffen ist keine Erfolgsgeschichte. Es ist eine Warnung. Eine Warnung davor, im Oberrheingraben weiter auf klassische Tiefengeothermie zu setzen. Eine Warnung davor, Risiken kleinzureden. Eine Warnung davor, die Entscheider mit PR-Ausflügen und Zwiebelkuchen zu beruhigen, während unter den Häusern der Bevölkerung Spannungen aufgebaut werden. Rittershoffen zeigt: Tiefengeothermie im Oberrheingraben ist kein kontrollierbares Technikprojekt, sondern ein geologisches Risiko – mit realen Folgen für echte Menschen.

Ariane Stachowsky
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Bundesverband Bürgerinitiativen Tiefe Geothermie e.V.

Der Bundesverband Bürgerinitiativen Tiefe Geothermie e.V. ist ein länderübergreifender Zusammenschluss von Bürgerinitiativen und Interessengemeinschaften. Er bündelt Erfahrungen aus der Praxis, klärt Öffenlichkeit, Politik und Behörden auf und bildet einen Gegenpol zu einseitigen Lobby-Aussagen. Ziel ist es, Risiken und Folgen der Tiefengeothermie kritisch zu hinterfragen und Fehlentscheidungen mit Auswirkungen auf Menschen, Umwelt und Landschaft zu verhindern.

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  • 1. Vorsitzende Ariane Stachowsky

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