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Schleidberg unter Dampf: Wie Beobachtungen und PR-Botschaften auseinanderdriften

Sichtbarer Dampf als technisches Warnsignal

Kürzlich wurde am Bohrplatz Schleidberg bei Insheim, einem zentralen Standort im Rahmen des Lionheart-Projekts von Vulcan, ein massiver Dampfaustritt beobachtet. Solche Dampfwolken sind in der Tiefengeothermie keineswegs ein alltägliches Phänomen. Sie entstehen, wenn heißes Wasser oder Gas unter Druck entweicht, wenn Stickstoff zur künstlichen Förderung eingesetzt wird oder wenn technische Instabilitäten im Bohrloch vorliegen. In jedem Fall zeigt sichtbarer Dampf, dass eine Bohrung nicht im stabilen Normalbetrieb läuft. Dass nun am Schleidberg deutlich sichtbarer Dampf austritt, ist daher ein technisches Ereignis von Bedeutung – und keines, das sich mit den öffentlich kommunizierten Erfolgsmeldungen deckt.

Dampf entsteht, wenn heißes Fluid an der Oberfläche schlagartig entspannt. Das setzt voraus, dass im Bohrloch Druck aufgebaut wurde, Gas mitgeführt wird oder Heißwasser über offene oder halboffene Systeme abgeführt wird. Ein solcher Zustand ist immer ein Hinweis darauf, dass die Bohrung sich in einem aktiven Test-, Entlastungs- oder Störzustand befindet. Besonders relevant ist dabei der von Vulcan selbst bestätigte Einsatz von Stickstoff. Stickstoff wird nicht eingesetzt, wenn eine Bohrung normal funktioniert, sondern dann, wenn sie nicht von selbst fördert oder entladen werden muss. Der sichtbare Dampf ist daher kein „physikalisch normaler Effekt“, sondern ein Symptom dafür, dass die Bohrung technische Unterstützung benötigt und nicht eigenständig arbeitet.

Ein positives Bild nach außen – und ein anderes zwischen den Zeilen

Vulcan Energie zeichnet in seinen Pressemitteilungen ein ausgesprochen positives Bild der Bohrung. Dort ist von „erfolgreich abgeschlossenen Bohrarbeiten“, „positiven Ergebnissen“ und „hohem Potenzial“ die Rede. Für die Öffentlichkeit entsteht damit der Eindruck eines Projekts, das planmäßig und ohne größere Schwierigkeiten voranschreitet. Doch ein genauer Blick auf die technischen Details – sowohl der beobachteten Vorgänge als auch der eigenen Aussagen des Unternehmens – zeigt ein deutlich komplexeres Bild. Vulcan selbst berichtet von vollständigen Flüssigkeitsverlusten im Seitenast LSC-1a. In der Pressemitteilung werden diese Totalverluste als Hinweis auf hohe Durchlässigkeit und damit als positives Ergebnis dargestellt. Tatsächlich gehören vollständige Spülungsverluste in der Tiefbohrtechnik zu schwerwiegenden Störungen. Sie bedeuten, dass die Bohrspülung unkontrolliert in die Formation abfließt, die Druckkontrolle verloren geht, die Zementierung gefährdet ist und sich Gas- oder Dampfwege entlang des Ringraums bilden können. Solche Ereignisse deuten auf ein ernstzunehmendes technisches Problem hin und sind kein Indikator für einen reibungslosen Bohrverlauf.

Dass Vulcan diese Vorgänge dennoch als „positiv“ darstellt, folgt einer klaren kommunikativen Logik. Ein sichtbarer Dampfaustritt ist ein für jeden Laien erkennbares Zeichen, dass etwas nicht wie geplant läuft. Gleichzeitig würde eine offene Darstellung der technischen Schwierigkeiten das Bild eines reibungslosen Projektfortschritts infrage stellen. Indem Vulcan den Dampfaustritt als harmlosen Testeffekt beschreibt und die schwerwiegenden Probleme sprachlich umdeutet, entsteht ein Narrativ, das beruhigend wirkt, aber die tatsächliche technische Lage nicht vollständig widerspiegelt.

Instabile Formation und gescheiterter Produktionstest

Hinzu kommen die von Vulcan erwähnten Instabilitäten in der Formation, die den Produktionstest verhinderten. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich ein gravierendes technisches Problem: Ein instabiles Bohrloch kann sich verengen oder teilweise kollabieren, Werkzeuge können stecken bleiben, Druckverhältnisse können nicht zuverlässig kontrolliert werden. Dass der Produktionstest nicht durchgeführt werden konnte, zeigt, dass die Bohrung nicht funktionsfähig ist. Die Ankündigung, die Bohrung nun neu ablenken und mit einem angepassten Verrohrungs- und Komplettierungsschema ausführen zu müssen, bestätigt dies. Eine Neuablenkung ist kein Feintuning, sondern ein grundlegender Eingriff, der nur dann notwendig wird, wenn die ursprüngliche Bohrung technisch nicht nutzbar ist.

Fragwürdige Aussagen zur „repräsentativen Probe“

Vulcan schreibt, aus dem „erreichten Reservoir“ sei eine repräsentative Probe der Thermalsole entnommen worden. Gleichzeitig räumt das Unternehmen ein, dass die Analyse „nach Korrektur für geringe Verdünnung durch Bohrflüssigkeit“ eine Lithiumkonzentration von 183 mg/L ergeben habe. Eine Probe, die erst rechnerisch korrigiert werden muss, stammt jedoch nicht aus einem stabilen Förderstrom und ist technisch nicht repräsentativ. Sie erlaubt daher keine belastbaren Aussagen über die tatsächliche Reservoirqualität. Die Behauptung, der korrigierte Wert entspreche der Ressourcenschätzung und „unterstreiche die Qualität des Reservoirs“, ist unter diesen Bedingungen nicht nachvollziehbar.

Stickstoff-Einsatz als Hinweis auf fehlende Eigenförderung

Besonders auffällig ist der offen erwähnte Einsatz von Stickstoff. Stickstoff wird in der Tiefengeothermie nicht eingesetzt, wenn eine Bohrung normal funktioniert, sondern dann, wenn sie nicht von selbst fördert oder entladen werden muss. Der Stickstoff verringert die Dichte der Flüssigkeitssäule im Bohrloch, sodass eine Gas-Wasser-Mischung nach oben steigt. Beim Austritt entsteht durch Druckabfall und Flash-Verdampfung die sichtbare Dampffahne. Dass nun am Schleidberg solche Dampfwolken auftreten, passt daher eher zu einer Bohrung, die technische Unterstützung benötigt, als zu einem „erfolgreich abgeschlossenen“ Projekt. Auch hier zeigt sich, weshalb Vulcan bemüht ist, den Dampfaustritt als unproblematisch darzustellen: Er ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Bohrung nicht eigenständig arbeitet und sich nicht in einem stabilen Zustand befindet.

Hinweise darauf, dass weder Hauptbohrung noch Seitenast funktionieren

Nach Auswertung der vorliegenden Pressemitteilungen drängt sich der Schluss auf, dass weder die Hauptbohrung noch der Seitenast verwertbare Testdaten liefern. Die von Vulcan angekündigte Maßnahme, „die Bohrung in einem nächsten Schritt erneut abzulenken und mit einem angepassten Verrohrungs- und Komplettierungsschema auszuführen“, deutet deutlich darauf hin, dass beide bisherigen Bohrabschnitte die erforderlichen Eigenschaften nicht aufweisen. Eine Neuablenkung ist kein Feintuning, sondern ein grundlegender Eingriff, der nur dann notwendig wird, wenn die ursprünglichen Bohrungen technisch nicht nutzbar sind.

Temperaturmessungen ohne Aussagekraft zur Nutzbarkeit

Vulcan verweist darauf, dass bei 3000 m Tiefe eine Temperatur von 160 °C gemessen wurde und leitet daraus eine „vielversprechende Energiemenge“ ab. Temperaturmessungen sind jedoch der einzige Parameter, der auch in instabilen oder nicht produktiven Bohrungen zuverlässig erhoben werden kann. Sie sagen nichts über Durchlässigkeit, Druckverhalten oder Förderrate aus – also genau jene Faktoren, die über die Nutzbarkeit eines geothermischen Reservoirs entscheiden. Ohne funktionierenden Produktionstest bleibt die tatsächliche Energiegewinnung unbewiesen.

Ein Gesamtbild, das nicht zu den Erfolgsmeldungen passt

In der Summe ergibt sich ein deutlich anderes Bild als das, welches die PR-Texte vermitteln. Die beobachteten Vorgänge am Bohrplatz und die technischen Probleme, die Vulcan selbst einräumt, stehen in einem klaren Spannungsverhältnis zu den öffentlich kommunizierten Erfolgsmeldungen. Während die Pressemitteilungen ein Bild von Fortschritt und Stabilität zeichnen, zeigen die technischen Details eine Bohrung, die nicht selbstständig fördert, Stickstoff benötigt, Totalverluste erlitten hat, instabil ist, deren Produktionstest gescheitert ist und die nun neu abgelenkt und neu verrohrt werden muss.

Fazit: Ein Projekt, das Fragen aufwirft

Vor diesem Hintergrund wirft die Kombination aus dem beobachteten Dampfaustritt und den zwischen den Zeilen erkennbaren technischen Schwierigkeiten die sachlich begründete Frage auf, ob das Projekt am Schleidberg tatsächlich so reibungslos verläuft, wie Vulcan es öffentlich darstellt, oder ob die kommunizierten Erfolgsmeldungen vor allem der positiven Außendarstellung dienen, während die technischen Herausforderungen erheblich größer sind als bisher vermittelt.

Ariane Stachowsky, 11. Januar 2026

Quellen:
Erste Bohrung am Bohrplatz Schleidberg erfolgreich abgeschlossen - VULCAN ENERGY RESOURCES
Vulcan Energy zieht positive Bilanz aus erster Bohrung am Bohrplatz Schleidberg - VULCAN ENERGY RESOURCES

 

Dieser Beitrag wurde sorgfältig recherchiert; Fachliche Bewertungen geben den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder.

 

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