Weiter Erdbeben trotz Abschaltung: Rittershoffen entlarvt die Tiefengeothermie-Illusion
9 Beben in wenigen Tagen, Magnituden bis 2.6 – und das trotz Stillstand der Anlage. Rittershoffen zeigt, warum Tiefengeothermie im Oberrheingraben kein kontrollierbares Technikprojekt ist.
Die jüngste Erdbebenserie rund um das Tiefengeothermiekraftwerk Rittershoffen im Nordelsass macht eines unmissverständlich klar: Die Risiken der klassischen Tiefengeothermie sind real, wiederkehrend und nicht kontrollierbar. Die aktuellen Ereignisse sind kein Einzelfall, kein Betriebsunfall und keine theoretische Debatte – sie sind das Ergebnis jahrelanger Eingriffe in einen ohnehin tektonisch sensiblen Untergrund des Oberrheingrabens.
Am 4. Dezember 2025 ereignete sich im Raum Haguenau ein induziertes Erdbeben der Magnitude 2.5 in rund fünf Kilometern Tiefe. Französische Fachleute gehen davon aus, dass das Geothermiekraftwerk Rittershoffen der Auslöser war. In der Folge schaltete der Betreiber Électricité de Strasbourg (ÉS) die Anlage vorsorglich ab. Doch wer glaubte, damit sei die Gefahr gebannt, wurde eines Besseren belehrt.
Denn trotz Stillstand der Anlage setzte sich die Erdbebenserie fort. Am 10. Dezember 2025 wurden zwei weitere induzierte Erdbeben mit den Magnituden 2.2 und 1.6 registriert. Zwei Tage später folgten erneut Erschütterungen mit den Magnituden 1.4 und 2.6 – letzteres das stärkste Ereignis dieser Serie. Am darauffolgenden Tag kamen weitere vier Beben hinzu, mit den Magnituden zwischen 1.4 bis 2.1. Innerhalb weniger Tage erschütterte die Erde die Region also neunmal, obwohl der Betrieb bereits eingestellt war.
Diese Abfolge zeigt in aller Deutlichkeit: Ein einmal angestoßener geologischer Prozess lässt sich nicht durch Abschalten stoppen. Das immer wieder angepriesene seismische Monitoring mit Ampelsystem mag registrieren, was passiert – es verhindert nicht, dass sich Spannungen im Untergrund zeitverzögert entladen. Die Erde reagiert nicht auf Betriebsanweisungen.
Besonders brisant ist: Die Dezember-Ereignisse stehen nicht isoliert, sondern reihen sich nahtlos in eine lange Vorgeschichte induzierter Seismizität in Rittershoffen ein. Bereits während der Bohr- und Stimulationsphase zwischen 2012 und 2014 wurden zahlreiche Mikrobeben registriert. Die Magnituden wurden damals bewusst unter 1.7 gehalten, begleitet von umfangreichem Monitoring. Doch auch nach der Inbetriebnahme hörten die Erschütterungen nicht auf. Der Betreiber selbst berichtete, dass bis Ende 2018 rund 300 induzierte Beben mit Magnituden bis 1.6 aufgetreten seien. Spätere Studien, unter anderem aus dem EU-Projekt DESTRESS, zeigen sogar über 1.300 registrierte induzierte Ereignisse – meist nicht spürbar, aber seismologisch eindeutig nachweisbar.
Im April 2023 folgte eine weitere Serie: Innerhalb weniger Stunden wurden mindestens 13 Mikro-Erdbeben registriert, darunter Ereignisse mit Magnituden von 1.6, 1.4 und 1.1, in nur 2 bis 3 Kilometern Tiefe, unmittelbar im Umfeld der Anlage. Am 2. März 2024 kam es erneut zu einem Beben der Magnitude 1.2 in etwa fünf Kilometern Tiefe. Und im Mai 2024 registrierte man zwei stärkere Ereignisse mit Magnituden um 2.0 und 2.2. Auch damals bestätigte ÉS den Zusammenhang mit dem Geothermiekraftwerk – und schaltete die Anlage ab.
Die Lehre aus all dem ist eindeutig: Rittershoffen ist kein Ausreißer, sondern ein Muster. Klassische Tiefengeothermie, die mit Förderung und Verpressung von Tiefenwasser arbeitet und gezielt in Störungszonen eingreift, birgt im Oberrheingraben ein inhärentes Erdbebenrisiko. Dieses Risiko lässt sich weder wegmonitoren noch politisch schönreden.
Umso befremdlicher wirkt es, wenn Rittershoffen weiterhin als angebliches „Vorzeigeprojekt“ präsentiert wird. Wenn Projektträger und Unternehmen Gemeinderäte zu Ausflügen mit Zwiebelkuchen und Wein einladen, um ein angeblich störungsfreies Geothermieprojekt zu präsentieren, obwohl die bekannten Risiken und die lange Vorgeschichte induzierter Erdbeben offenkundig sind, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Ernsthaftigkeit dieser Kommunikation. Wer angesichts dieser Faktenlage weiterhin von einem beherrschbaren und sicheren Betrieb spricht, unterschätzt entweder die Realität – oder nimmt sie bewusst in Kauf.
Die aktuellen Ereignisse in Rittershoffen verdeutlichen eindrücklich, was bei jedem Tiefengeothermieprojekt nicht von der Hand zu weisen ist: Es handelt sich um massive Eingriffe in einen sensiblen Untergrund, deren Folgen zeitverzögert, unkontrollierbar und für die betroffene Bevölkerung spürbar sein können. Für den Oberrheingraben, der ohnehin tektonisch vorbelastet ist, müssen diese Erfahrungen endlich Konsequenzen haben.
Rittershoffen ist keine Erfolgsgeschichte. Es ist eine Warnung: Tiefengeothermie im Oberrheingraben ist kein beherrschbares Technikprojekt, sondern ein geologisches Risiko – und wer das weiterhin verharmlost, spielt bewusst mit den Folgen.






Bilder & Text Ariane Stachowsky









